Diskussion
Passend zum heutigen Tag..
drückte mir heute ein Freund in der Andacht die Kopie eines Textes in die Hand. Er sprach to my condition und bringt viele Anfragen, die ich an Friedensarbeit habe auf den Punkt. Eigentlich ist es ein Kommentar von Thomas Gebauer von medico international zur Frage moralisch-humanitäre Hilfe versus politische Solidarität im Rundschreiben 01/05. Im letzten Abschnitt zitiert er ausführlich Günther Anders:
" Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der Philosoph Günther Anders, der vor dem Terror der Nazis in die USA geflohen war, nach Europa zurück. In seinen Tagebüchern erzählt er von den Begegnungen mit den 'einfachen' Bewohnern von Wien, die es völlig richtig fanden, dass Warschau und London zerstört wurden, weil eben auch Wien und Dresden in Schutt und Asche lagen. Die eigenen Trümmer standen derart im Vordergrund, dass sie auch das zeitlich Erste wurden und die Umkehrung von Ursache und Wirkung begründeten.
Vielen schienen die Ursachen der Katastrophe noch unbekannt, doch schlimmer fast wog, dass vielen die Tatsache der Katastrophe selbst schon wieder unbekannt war. Sie haben sie, so schreibt Anders, "'vergessen', weil, diese zu halten oder zu verarbeiten, ihre Kraft nicht auslangte. - Wer um Gottes Willen soll das Geschehene nun aufbewahren, wer die Konsequenzen ziehen, wer die Warnungen formulieren? - Oder wird nach Jahren das verdrängte Bild des Grauens von neuem aufsteigen? Und werden die Ruinen wirklich werden, wenn sie wieder repariert sind?"
In einem Gartenlokal sitzend, überlegte Anders, wer von den Gästen, die da nun so reizend mit ihren Kindern spielten, wohl zu denen gehört haben, die an den Greuel beteiligt waren. "Prüfend blicken wir von einem Gesicht zum nächsten: Welcher war es? Welche waren es? Denn auch unter ihnen müssen ja schließlich ein paar von jenen sitzen, die die Greuel mit auf dem Gewissen haben. Oder mindestens einer. - Aber bei keinem kann ich mich entschließen, zu sagen: der; oder wahrscheinlich der; oder auch nur: vielleicht der. Sind sie wirklich andere Menschen als anderswo? Und so verschieden von den Menschen, die sie früher waren? Wirklich veränderte Menschen?"
"Was sie getan haben," so vermutete Anders, "hat sie damals wirklich geprägt, aber eben nur damals. Denn heute sind sie nun von der heutigen Situation gleichfalls wirklich 'geprägt'; oder in ihre alte Form zurückgeprägt." – Das sei zugleich tröstlich und entmutigend: "Tröstlich ist es zu wissen, nicht unter 'Unmenschen' zu leben. Entmutigend, zu wissen, zwischen Menschen zu leben, die nichts sind, als die jeweilige Variante ihrer Situation."
Aber "moralisch wünschenswert", so schließt Anders seinen Gedanken, "ist nicht diejenige Situation, in der möglichst viele Menschen Moralisches (gegen die Welt) leisten oder leisten müssen; sondern umgekehrt diejenige, in der die Möglichkeit, die 'Versuchung', unmenschlich zu sein, ihr Minimum erreicht. In der also, paradox ausgedrückt, Moral 'aufgehoben' ist und verschwinden kann. Letzlich nämlich ist Moral etwas Unerwünschtes: Ihr Dasein beweist nur, dass die Organisierung der Gesellschaft von einer solchen Art ist, dass sie Menschen dauernd schuldig machen kann, dass sie Moral 'nötigmacht'. In einer guten Welt erübrigen sich die Tugenden. -"
(Die Hervorhebung ist von mir.) Auch wenn er sich im letzten Satz wohl etwas überhebt, die Einsicht, dass wir viel weniger "innengeleitet" sind, als wir es gerne sähen, ist empirisch bestens belegt.
Ein nettes Beispiel, das ich dem Buch "Blink" von Malcolm Gladwell (s.u.rechts) entnehme.
Viele Polizeibehörden in den USA haben in den letzten Jahren wilde Verfolgungsjagden verboten. Nicht weil dabei zu viele Umstehende zu Schaden kamen, sondern weil die Polizisten zu erregt waren, wenn sie die Verdächtigen gestellt hatten. Sie waren physiologisch nicht mehr in der Lage klar zu denken, was zu etlichen tödlichen Irrtümern führte. Aus dem gleichen Grund reduzierte man die Besatzung der Streifenwagen auf einen Beamten! [p. 226ff]
Das Beispiel mag in diesem Zusammenhang eher banal klingen, doch wohin führt das Argument: der zunehmende Rassismus innerhalb der Polizei...?
" Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte der Philosoph Günther Anders, der vor dem Terror der Nazis in die USA geflohen war, nach Europa zurück. In seinen Tagebüchern erzählt er von den Begegnungen mit den 'einfachen' Bewohnern von Wien, die es völlig richtig fanden, dass Warschau und London zerstört wurden, weil eben auch Wien und Dresden in Schutt und Asche lagen. Die eigenen Trümmer standen derart im Vordergrund, dass sie auch das zeitlich Erste wurden und die Umkehrung von Ursache und Wirkung begründeten.
Vielen schienen die Ursachen der Katastrophe noch unbekannt, doch schlimmer fast wog, dass vielen die Tatsache der Katastrophe selbst schon wieder unbekannt war. Sie haben sie, so schreibt Anders, "'vergessen', weil, diese zu halten oder zu verarbeiten, ihre Kraft nicht auslangte. - Wer um Gottes Willen soll das Geschehene nun aufbewahren, wer die Konsequenzen ziehen, wer die Warnungen formulieren? - Oder wird nach Jahren das verdrängte Bild des Grauens von neuem aufsteigen? Und werden die Ruinen wirklich werden, wenn sie wieder repariert sind?"
In einem Gartenlokal sitzend, überlegte Anders, wer von den Gästen, die da nun so reizend mit ihren Kindern spielten, wohl zu denen gehört haben, die an den Greuel beteiligt waren. "Prüfend blicken wir von einem Gesicht zum nächsten: Welcher war es? Welche waren es? Denn auch unter ihnen müssen ja schließlich ein paar von jenen sitzen, die die Greuel mit auf dem Gewissen haben. Oder mindestens einer. - Aber bei keinem kann ich mich entschließen, zu sagen: der; oder wahrscheinlich der; oder auch nur: vielleicht der. Sind sie wirklich andere Menschen als anderswo? Und so verschieden von den Menschen, die sie früher waren? Wirklich veränderte Menschen?"
"Was sie getan haben," so vermutete Anders, "hat sie damals wirklich geprägt, aber eben nur damals. Denn heute sind sie nun von der heutigen Situation gleichfalls wirklich 'geprägt'; oder in ihre alte Form zurückgeprägt." – Das sei zugleich tröstlich und entmutigend: "Tröstlich ist es zu wissen, nicht unter 'Unmenschen' zu leben. Entmutigend, zu wissen, zwischen Menschen zu leben, die nichts sind, als die jeweilige Variante ihrer Situation."
Aber "moralisch wünschenswert", so schließt Anders seinen Gedanken, "ist nicht diejenige Situation, in der möglichst viele Menschen Moralisches (gegen die Welt) leisten oder leisten müssen; sondern umgekehrt diejenige, in der die Möglichkeit, die 'Versuchung', unmenschlich zu sein, ihr Minimum erreicht. In der also, paradox ausgedrückt, Moral 'aufgehoben' ist und verschwinden kann. Letzlich nämlich ist Moral etwas Unerwünschtes: Ihr Dasein beweist nur, dass die Organisierung der Gesellschaft von einer solchen Art ist, dass sie Menschen dauernd schuldig machen kann, dass sie Moral 'nötigmacht'. In einer guten Welt erübrigen sich die Tugenden. -"
(Die Hervorhebung ist von mir.) Auch wenn er sich im letzten Satz wohl etwas überhebt, die Einsicht, dass wir viel weniger "innengeleitet" sind, als wir es gerne sähen, ist empirisch bestens belegt.
Ein nettes Beispiel, das ich dem Buch "Blink" von Malcolm Gladwell (s.u.rechts) entnehme.
Viele Polizeibehörden in den USA haben in den letzten Jahren wilde Verfolgungsjagden verboten. Nicht weil dabei zu viele Umstehende zu Schaden kamen, sondern weil die Polizisten zu erregt waren, wenn sie die Verdächtigen gestellt hatten. Sie waren physiologisch nicht mehr in der Lage klar zu denken, was zu etlichen tödlichen Irrtümern führte. Aus dem gleichen Grund reduzierte man die Besatzung der Streifenwagen auf einen Beamten! [p. 226ff]
Das Beispiel mag in diesem Zusammenhang eher banal klingen, doch wohin führt das Argument: der zunehmende Rassismus innerhalb der Polizei...?
plainjochen - 8. Mai, 19:02
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