Interview mit Prof. Dr. Werner Ruf
Professor für Internationale Politik und internationale Beziehungen, Universität Kassel
Was ist für Sie der Preis von Krieg?
Ich denke, der Preis von Krieg sind immer Menschenleben und in der Regel viele Menschenleben, verstümmelte Menschen, zerstörte Lebensgrundlagen und das ist ein Preis, den man noch nie berechnet hat, den man auch nicht berechnen können wird. Ich denke, das ist das, was schon die Inhumanität von Krieg zeigt.
Es gibt immer wieder Vergleiche, die herangezogen werden, um die Tragik von Krieg zu zeigen. Welche kennen Sie?
Das sind Vergleiche, die gibt in allen möglichen Arten, aber ich denke, das lenkt ein Stück weit vom Problem ab. Es ist nicht so in unserer Welt, das man sagt, wir rüsten ab und dafür tun wir mit so viel Geld so viel Gutes. Sondern es ist denke ich, eine Tradition im Denken, in einem alten Denken, das Krieg immer noch Instrument und Mittel der Politik ist. Das mag vielleicht einmal gestimmt haben, in Zeiten, wo die Kriegführenden ein Stück Territorium erobern wollten, weil es dort Ressourcen gab, weil es dort Arbeitskräfte gab. All das ist heute im Zeitalter der Globalisierung entfallen. Wir brauchen kein Territorium mehr, um es auszubeuten, wir brauchen keine Arbeitskräfte mehr, die wir uns aneignen müssen, sondern wir beschäftigen sie weltweit, wo wir wollen, wie wir wollen, wann wir wollen. Dieser Kriegsgrund ist also obsolet.
Eines Ihrer Spezialgebiete beschäftigt sich mit private militärische Unternehmen? Man soll ja sogar Atomwaffen im Internet bestellen können?
In etwa ja, wenn man das nötige Geld hat. Dies ist in der Tat mit eine der Aspekt von Globalisierung dass das, was früher als die heiligste Kuh des Staates galt, nämlich das Militär, als Symbol des alten staatlichen Monopols, inzwischen privatisiert wird. Diese Privatisierung hat natürlich eine ganze Menge von Nebenaspekten und Folgen. Zum einen ist es in der Tat billiger, für einen bestimmten Auftrag eine Firma zu beauftragen anstatt stehende Heere mit all dem, was sie kosten bereitzuhalten, ohne sie möglicherweise überhaupt einzusetzen. Private militärische Unternehmen haben auch den Vorteil, dass sie eben keine Staaten sind. Sie sind an keine völkerrechtlichen, kriegsvölkerrechtlichen Konventionen gebunden. Sie können nicht für solche Dinge haftbar gemacht werden, d.h. Dinge, die sie begehen, bleiben letztendlich nicht strafbar. Das sind ungeheur flexible Instrumente. Diese Firmen haben keine Ideologien und Programme, sondern einen Job, werden für einen Job angeheuert und machen ihn dann.
Da gibt es auch zweifelhafte Verbindungen bis in die höchste Politik?
Ja, es gibt gerade bei den großen amerikanischen privaten Kriegführungsfirmen direkte Verbindungen zu den höchsten Stellen der Politik. Das hängt auch damit zusammen, dass die Firmen geführt werden von höchstrangigen früheren Generälen. Aber es hängt auch damit zusammen, dass bestimmte Rüstungsfirmen, insbesondere Rüstungsfinanzierungsfirmen unmittelbar mit diesen Firmen zusammenarbeiten. Es gibt da den schönen Spruch, dass das MPRI, das ist eine der führensten Firmen, mehr Generäle pro Quadratmeter besitzt als das Pentagon. Also da sieht man diese Verschiebung schon recht deutlich. Man muss auch wissen, dass die zweitgrößte Armee im Irakkrieg von den militärischen Firmen gestellt wird. Das sind nicht die Briten, sondern davor kommen noch die Privaten.
Wohin werden sich Kriegswaffen und Kriege entwickeln?
Ich denke, das ist sehr wichtige Frage. Krieg hat sich enorm auseinanderentwickelt. Wir Politologen sprechen dann von asymetrischen Konflikten und asymetrischer Kriegführung und in der Tat kann ein nicht hoch industrialisiertes Land keinen Krieg mehr gewinnen. Es gibt Abstandswaffen, es gibt elektronische Waffen, es gibt intelligente Waffen, die den Gegner verteidigungsunfähig machen, bevor man ihn überhaupt erreicht hat oder bevor man ihn zu vernichten sucht. Das ist eben jetzt eine Kriegführung, wo jeder im Vorhinein weiß, wer den Krieg gewinnen wird. Das war beispielsweise im Jugoslawienkrieg so wie es im Irak Krieg jetzt ist. Die Kehrseite der Medaille ist das man - Präsident Bush hat das ja vor anderthalb Jahren schon erklärt, das der Krieg zu Ende sei - dass man einen Krieg zwar militärisch gewinnen kann, damit aber keinen Frieden erreicht.
Diese Art der Kriegführung, die so ungleichgewichtig ist und auf Seiten der anderen Partei ungeheure Opfer fordert, führt dann zwangsläufig in Bürgerkriegssituationen, wie wir sie jetzt in Afghanistan haben, wie wir sie im Irak haben und wie wir sie am Balkan haben würden, wenn die Truppen beispielsweise in Bosnien oder im Kosovo abgezogen würden. Militär ist gar nicht mehr in der Lage, einen dauerhaften Frieden zu stiften, weil durch diese Art der Kriegsführung so viele Verletzungen passieren, so viel Hass erzeugt wird, dass der Konflikt damit nicht zu Ende gehen kann. Das war früher anders, als auf dem Schlachtfeld - übrigens ein wunderschöner Terminus, wenn man ihn sich auf der Zunge zergehen lässt - die Truppen gegenüberstanden und wer gewonnen hatte, hatte gewonnen und wer verloren hatte, hatte verloren. Und man hat irgendwo einen Friedenschluss gemacht. Das wurde noch unter Militär ausgetragen, jetzt sind die Opfer von Kriegen - und das hat auch mit meinem Eingangsstatement zu tun - fast nur noch die Opfer von Zivilisten.
Kriegführen ist extrem teuer, woher bekommt ein Staat das Geld dafür?
Es ist natürlich unglaublich teuer. Daher habe ich etwas gegen den Eingangs angestellten Vergleich, weil er mir zu einfach ist. Diese Art von Rüstungindustrie schafft ja auch Profit. Diese Art von Rüstungsindustrie beschäftigt Menschen und es gibt heute auch nicht mehr die klare Trennung zwischen Rüstungsindustrie und ziviler Industrie. Die ganze Debatte über double use - also die doppelte Verwendung von Waffensystemen - alles hat mit allem zu tun. Wer Panzer produziert, kann auch schwere Baufahrzeuge produzieren. Die alte Geschichte vom Lippenstift, der auch als Patronenhülse dienen könnte. Ähnlich ist das mit der Elektronik: Die heutige Kriegsführung basiert auf Satellitensystemen, die gleichzeitig auch wieder siehe GPRS oder Galileo in die Autos eingebaut werden, damit man keinen Stadtplan mehr lesen muss, sondern das Ziel eingibt und vom Auto sicher dorthin geführt wird. Diese doppelte Verwendung ist überall gegeben, sodass man es nicht so leicht auseinander dividieren kann. Daraus nun die Mär zu machen, dass wir Rüstungsindustrie brauchen, um zivile Abfallprodukte zu erhalten, das ist natürlich Unsinn. Würde dieses Geld sofort in zivile Ziele und Forschungen und Entwicklungen hineingeführt, dann bekämen wir die zivilen Nutzgegenstände wesentlich, wesentlich billiger.
Ruanda, Somalia, da reichen für einen Bürgerkrieg und Völkermord oft einfache Waffen?
Naja ganz einfache Waffen, das wären für mich Pfeil und Bogen, Speer.
Oder zum Beispiel Macheten.
Ja, Macheten, Kalaschnikows, Handgranaten, das sind schon keine so einfachen Waffen mehr. Und mit denen kann ich, wenn ich sie richtig einsetze, tatsächlich bequem Massenmord begehen. Auch das ist ein Riesengeschäft, vor allem mit den sogenannten Kleinwaffen, für die vor allem der Kollege Peter Lock sehr kompetent ist. Damit wird wahnsinnig viel Geld gemacht, weil es sich fast jeder leisten kann und weil man bisher nicht bereit ist, den Ursprungsort der Waffen zu kennzeichnen, so dass es ein gigantisches Geschäft damit weltweit gibt, ohne dass man verfolgen kann, wer letztendlich ursprünglich diese Waffen geliefert hat
Karl Marx stellte die These auf, dass Kapitalismus Krieg braucht. Kann man das so sagen?
Jein. Ich denke, die These ist im Prinzip richtig. Nur hat Krieg noch nie Ressourcen geschaffen, sondern ist benützt worden, um Ressoucenakkumulationen, in dem Sinne, wie ich sie vorher beschrieben habe - Territorien, Menschen, Ressourcen zu beschaffen - dafür hat man Krieg früher eingesetzt. Mittlerweile und das ist meiner Meinung nach das Perverse, wird Krieg zum Selbstzweck. Waffensysteme werden produziert, die Waffensysteme müssen amortisiert werden, man muss die Waffensysteme ja auch testen, ob sie gut sind, und damit braucht man von Zeit zu Zeit einen Krieg. Wenn auch, wie ich meine, die Kriege in Afghanistan und Irak tatsächlich alte klassische Ziele verfolgen. Es geht um die Kontrolle von Ressourcen, nämlich Öl, vom Kaspischen Becken bis in den Vorderen Orient. Wer das Öl kontrolliert, diktiert letztendlich die Fertig-Preise auf dem Weltmarkt.
Hier kommt die große Rivalität zwischen der EU und der USA zum Tragen und ich denke der geplante Pipelinebau vom Kaspischen Becken über Afghanistan in den indischen Ozean verfolgt natürlich auch den Zweck, die letzte große Einkommensquelle Russlands trocken zu legen und damit Russland voll abhängig zu machen. Denn vorläufig wird dieses Öl ja noch über Russland exportiert und Russland verdient daran. Das ist fast die einzige Einkommensquelle des russischen Staates.
Der Öl-Preis ergibt sich vom Aktienmarkt. Angeblich reduziert sich das US-Wirtschaftswachstum wenn der Öl-Preis steigt?
Ja , das ist sicherlich richtig, aber nun ist das mit dem Ölpreis so eine Sache. Der Preis, den wir bezahlen, das ist ja nicht der Preis, zu dem das Öl verkauft wird, sondern das ist der Preis, der sich durch die Spekulationen an der Börse herstellt. Die Börse ist nun mal unglaublich erratisch und die wahnsinnigen Ölpreise, die wir im Augenblick haben, sind in erster Linie Folge der Spekulationen. Was dann natürlich auch die amerikanischen Endverbraucher durchaus trifft und von daher durchaus Wirtschaftswachstum verlangsamen könnte - aber das sind sehr komplexe Geschichten. Was viel entscheidender ist in der Fakturierung des Ölpreises in Dollar, ist die Tatsache, dass die USA damit ihre 850 Milliarden Aussenhandelsdefizit kompensieren können, was nicht ginge, wenn beispielsweise der Ölpreis in Yen oder Euro fakturiert würde. Genau das war einer der Sündenfälle von Saddam Hussein, das er vorgeschlagen hat, man könnte den Ölpreis ja auch in Euro fakturieren.
Gibt es daher auch einen Zusammenhang zwischen Börse und Krieg?
Nur sehr vermittelt. Die Börse ist ein sehr kurzfristiges, kurzlebiges, spekulatives Unterfangen. Ich denke, die Börse als Kriegstreiberin, das ist so ein bißchen ein Fetisch aus der Mottenkiste von vorgestern.
Kostet Frieden auch Geld?
Natürlich, alles kostet Geld, Frieden kostet auch Geld. Die Frage ist, was mehr kostet und damit kommen sie natürlich zu ihrer Eingangsfrage. Ich würde es anders herum formulieren. Es geht nicht immer darum, Frieden als Ersatz von Krieg zu sehen oder Krieg durch Frieden zu ersetzen, sondern es geht darum, und das wissen wir heute, präventiv tätig zu werden. Wenn sie ein Dokument nehmen wie die Europäische Sicherheitsstrategie, das am Ende genauso aussieht, wie die nationale Sicherheitsstrategie der USA, nämlich die Möglichkeit zur präventiven Kriegführung beansprucht, dann haben sie am Eingang - das machen die Militärs immer ganz gut - die Lage.
Und die Lage sagt, die Hälfte der Menschheit verdient weniger als 2 Dollar pro Tag. Millionen Menschen sterben jährlich an Aids, die ökologischen Katastrophen sind vorhersehbar. All das wissen wir und dann komme ich hinterher und sage, ich brauche Militär, um Krisen zu lösen, also werden hier die Folgen dessen, was falsch gemacht wird, erschossen oder will ich den Frieden er-"schiessen". Wenn wir all das wissen, dann könnten wir präventiv tätig werden.
Dann könnten wir versuchen, ganz im Sinne dessen, was von Uexküll heute morgen (Anm.: bei der Sommerakademie auf Burg Schlaining) vorgetragen hat, die ökologische Katarstrophe zu vermeiden, in dem wir eine andere ökologische Politik machen, die soziale Katastrophe, das Elend zu vermeiden, in dem wir eine andere soziale Politik machen. Ein Tröpfchen auf dem riesenheißen Stein war jetzt der letzte G8 Gipfel mit dem Schuldenerlass. Aber es ist wirklich weniger als ein Tropfen auf dem heißen Stein. D.h. wir wissen, wo die Probleme liegen, wir wissen und da hätte Marx Recht, dass diese Probleme Produkt unserer neoliberalen kapitalistischen Produktionsweise sind, das diese Probleme Folgen sind von einer falschen sozialen Politik und würden wir die Probleme dort an den Wurzeln und an die Ursachen gehen, dann bräuchten wir hinterher nicht mit dem Militär Krisenerscheinungen zu bekämpfen.
Warum tun wirs nicht?
Warum tun wirs nicht? Weil - das sagte ich anfangs - auch ein Stück weit mit dem Denken zu tun hat. Man braucht Militär, das Attribut eines jeden souveränen Staates, der sich respektiert. Daran hängt der militärisch-industrielle Komplex mit all den Profitmöglicheiten, die dort mehr gegeben sind als anderswo, weil die militärische Produktion konkurrenzfrei ist. Das ist geheim, ich kann das nicht alles auf dem freien Markt aushandeln, also da werden die kapitalistischen Gesetze ein klein wenig ausgehebelt. Und weil man immer noch meint, man könne die Probleme so lösen und da ist auch meine Kritik an der EU-Politik: Die EU hat als Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl angefangen, sie war im Kern ein Friedensprojekt und auf einmal soll das aufhören und ich denke, dass viele Leute, die das auch wissen, und die am eigenen Leib erleben, wie das so ist, das die europäischen Staaten gegeneinander nicht mehr Krieg führen, dass sie dieses, plötzlich kriegsfähige Europa nicht haben wollen. Also es ist eine Kombination aus altem Denken, aus unmittelbaren Verwertungsinteressen bestimmter Fraktionen des Kapitals und natürlich auch die Sicherung von Pfründen und Wohlstand hier, die wir aber so dauerhaft nicht sichern können.
Ist es die Angst davor, den Lebensstandard der Ärmeren zu heben?
Ich denke, es ist eher die Angst davor, hier den Lebensstandard zu verlieren und dafür sind dann scheinbar alle Mittel recht und dazu auch das untauglichste, der Krieg.
Wieviel Geld geht eigentlich wirklich in den Wiederaufbau?
Das ist natürlich auch eine sehr ambivalente Geschichte. Wenn Sie beispielsweise den Irak anschauen, wo Firmen wie Halliburton und Bectil den Wiederaufbau machen. Das sind gleichzeitig die großen Rüstungsfirmen, das sind die großen Ölfirmen, das sind die Firmen die, die militärischen Unternehmen mehr oder weniger an der kurzen Leine halten, auch da ist das ambivalent. Es wird am sogenannten Wiederaufbau profitiert. Jetzt müssen wir uns natürlich fragen, was ist eigentlich Wiederaufbau, darüber spricht niemand. Da werden Summen zur Verfügung gestellt, da wird etwas damit gemacht. Wenn wir überlegen dass beispielsweise im Irak die Infrastruktur, die Stromversorgung, die Wasserversorgung heute schlechter ist als vor zwei Jahren, nach zehn Jahren des fürchterlichen Embargos, dem durch Krankheiten, Unterernährung, verseuchtes Wasser mehr als eine Million Kinder zum Opfer gefallen sind, dann fragt man sich, was ist Wiederaufbau?
Dort wird gezielt nur das wiederaufgebaut, was unmittelbar für die Besatzung und für die Kriegsführung wichtig ist und für den Ölexport, der nicht funktioniert, weil der Widerstand permant die Ölleitungen doch wieder sprengt. Also Wiederaufbau ist eine sehr, sehr ambivalente Geschichte. Wenn sie an den Wiederaufbau im Nachkriegseuropa denken, dann war damals die amerikanische Philosophie: Wir müssen hier Arbeitsplätze schaffen. Wir müssen die Wirtschaft wieder in Gang setzen, weil bevor die Leute an Hunger sterben, sie vielleicht zu den Kommunisten abwandern. Das war eine andere Konstellation und die hat andere Antworten gefunden - Marshall Plan war eben etwas anderes. Gut, das war kapitalistischer Wiederaufbau, das muss man schon sagen, aber es war ein Wiederaufbau, der an den Bedürfnissen der Menschen orientiert war, also das Wort alleine sagt wenig.
Gibt es auch Hilfsprogramme, die etwas helfen?
Ja natürlich, es gibt eine ganze Menge von Hilfsprogrammen, die sehr viel auch bewirken, vor allem sind das jene Programme, die nicht nur Nahrungsmittel verteilen, sondern die auch zum Wiederaufbau in dem Sinne dienen, das die Bevölkerung beteiligt wird, dass sie selber aktiv wird. Dass sie selber die Mittel mitverwalten kann, wo sie eingesetzt werden. Das ist eigentlich der entscheidende Punkt und auch da muss man sehr kritisch sehen, dass jetzt gerade am Beispiel der europäischen Sicherheitsstrategie gesagt wird, wir machen zivil-militärische Zusammenarbeit.
Die ganzen Hilfsorganisationen, die ernstzunehmen sind, vorweg solche die also nicht unbedingt einen revolutionären Anstrich haben, wie Caritas, sagen, das können wir nicht machen, das wollen wir nicht machen, denn sobald wir uns militärisch einbinden lassen, werden wir von den Militärs funktionalisiert für ihre Zwecke. Und vor allen Dingen erscheinen wir bei der Bevölkerung nicht mehr glaubwürdig und bringen - und das ist ja inzwischen erwiesen - damit unsere eigenen Beschäftigten in Gefahr, weil sie wahrgenommen werden als Teil der Besatzungsmacht. Also diese Unabhängigkeit von Hilfe ist absolut zentral und es ist denke ich kein Zufall, dass man versucht, die Hilfeleistungen von militärischen Zielvorstellungen oder politischen Zielvorstellungen abhängig zu machen.
Es gibt den Stehsatz: Demokratien führen keine Kriege.
Das ist eine sehr umstrittenes Konzept. Es basiert darauf, dass einige Kollegen mal hingegangen sind und zusammengezählt haben und festgestellt haben, in der Tat, Demokratien führen untereinander keine oder kaum Kriege. Ob das jetzt die Staatsform ist, oder ob es nun daran liegt, dass unter diesen Demokratien sprich USA und Westeuropa 80 Prozent des Welthandels abgewickelt wird? Dass es innerhalb dieses Raums eine Kapitalverflechtung gibt, die es nie in dieser Form gegeben hat, das sollte man auch untersuchen, bevor man irgendwelche Kausalschlüsse zieht.
Diese Demokratien verhalten sich ja nach aussen aggressiver denn je, also es kann nicht an der Demokratie liegen, dass sie friedfertig sind. Ich glaube auch nicht, dass man Demokratie mit Militärstiefel exportieren kann. Wie glaubwürdig soll denn das Demokratiekonzept im Irak sein oder in Afghanistan, wenn man überlegt, dass alleine im Irak über 100.000 Zivilisten umgebracht worden sind, in diesem Krieg? Dass man diesen Krieg nur für die schönen braunen Augen der Menschen dort führt, um ihnen Demokratie zu bringen, das ist denen glaubhaft, mit dem was sie real erleben, nicht zu vermitteln, ganz im Gegenteil - das führt zu soviel Hass und Verzweiflung, dass Terroranschläge, sei es London, sei es Madrid oder sonst was, geradezu Anklang finden und unterstützt werden als Element von Rache - von dumpfer, blinder, wütender Rache.
Fördert das also den Terrorismus?
Ich hab das schon auch in einem der Bände der ÖSFK (Anm: Österreichisches Studienzentrum für Frieden und Konfliktforschung, Burg Schlaining) geschrieben, dass diese Art der Kriegführung, ein Krieg zur Förderung des Terrorismus ist, wegen der Art der Kriegführung. Dieses führt nicht zu Demokratie, sondern zu Hass und Gewalt.
Es gibt verschiedene Arten der Kostendefinition, ist eine Gesamtkostenermittlung möglich?
Eigentlich nicht, man wird das nie genau ausrechnen können. Es hat da verschiedene Versuche gegeben, auch früher schon, das kommt darauf an, wie sie das rechnen. Klar, sie können das Budget des Verteidigungsministerium nehmen, dann haben sie schon mal ein Pfund, aber sie haben in allen anderen Etats, im Strassenbau, im Schienenbau, im Klimawesen, in der Landwirtschaft (Manöverschäden), bis hin zum Justizministerium (Kosten für Militärrichter) - überall haben sie Militäretats mit drinnen oder Teile des Etats sind für das Militär. Das alleine im Staatshaushalt richtig auseinanderzurechnen, ist fast nicht möglich.
Es gibt offiziell Berechnungen, dass ein Monat Krieg am Golf 33 Mrd. Dollar gekostet hat?
Das kann man rechnen. Da kann man rechnen: die verschossenen Munition, die zum Einsatz gekommenen Flugzeuge, und deren Betriebskosten, usw, usw. Man kann dann noch soweit gehen und rechnen, was die Ausbildung eines durch freundliches oder feindliches Feuer zu Tode gekommenen Soldaten gekostet hat. Das kann man ausrechnen.
Man kann dann wahrscheinlich nicht mehr weiterrechnen, was auf Gegenseite passiert ist?
Das kann man nicht und wenn sie diese Kriege, insbesondere die beiden Irakkriege, der 2. Golfkrieg von 1991 und den jetzigen rechnen - was im Irak an strahlendem Material herumliegt, was an ökologischer Verseuchung verursacht worden ist, was an Zerstörung von Wasseraufbereitungsanlagen, Kläranlagen usw usw da draufgegangen ist. Was in den Museen zerstört worden ist, gestohlen worden ist. Dass die US-Panzer ganz Babylon umgepflügt und plattgemacht haben, die wichtigsten historischen Stätten der Menschheit? All das, wie wollen sie das rechnen, das ist ja nicht mehr herstellbar, für ein und alle mal dahin.
Und die Menschenleben.....
Ja, sie können Menschen natürlich rechnen, mit dem was er gekostet hat. Dann kostet ein armer arbeitsloser, unalphabetisierter Somali natürlich weniger als deutscher Professor - aber ist das die Art und Weise wie man Menschenleben im Wert berechnen kann?
Was wäre Ihre Vision für eine Welt nur mit zivilen Projekten?
Wobei man denke ich, die Nuance machen muss, dass diese zivilen Projekte auch umweltverträglich sein müssten. Noch mehr zivile Flugzeuge, noch mehr zivile Autobahnen, das kann es wohl nicht sein. Sondern es müsste darum gehen, ein radikales Umdenken zu bewirken, in dem nicht mehr der Profit alleine, die einzige Richtschnur für wirtschaftliches, politisches und gesellschaftliches Handeln ist, sondern ein Gesamtinteresse der Menschen, das sich eben auch an ökologischen Massstäben messen lassen muss. Noch mehr Ziviles, und die Gletscher schmelzen und der Meeresspiegel steigt usw, usw, das kann es ja wohl nicht sein. Das wäre ein ziviles Wachstum, das als Folge noch viel mehr Kosten verursachen würde.
Haben Sie eine konkrete Vision?
Eine solche Vision wäre durchaus, dass man beispielsweise die in der Rüstung eingesparten Kosten in Umweltschutz und Ökologie steckt. Dass man vor allen Dingen primär von den fossilen Energieträgern herunterkommt, die ja zentrale Ursache für die Klimaveränderung sind. Dass weiß man ja alles und das muss ja auch machbar sein.
Es gibt ja globale Ziele der UNO, wann glauben sie können die real erreicht werden, sind sie umsetzbar?
Natürlich wäre das umsetzbar, es ist die Frage des politischen Willens. Es ist aber auch die Frage der ökonomischen Strukturen und der damit verbunndenen augenblicklichen Profitmöglichkeiten. Und um jetzt mal die Totschlagvokabel zu bemühen - das Kapital denkt nicht langfristig, sondern in kurzfristigen Profitmitnahmen. Es hat damit zu tun, dass wir unsere Wirtschaftsordnung ändern müssten, damit hat es zu tun.
Und in welche Richtung?
In eine Richtung, die stärker an den Interessen der Menschen interessiert ist und zwar an der Menschheit insgesamt, die den Profit als entscheidendes Motiv, wenn nicht abschafft, dann aber wesentlich zurückschraubt und damit das Leben wieder sinnvoller gestaltet. Was kostet es uns denn den Planeten wieder so herzurichten, dass unsere Kinder auf diesem Planeten noch leben können?
Danke für das Gespräch.
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(Quelle Maga. Karin Bock
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pixxaa - 28. Feb, 21:32