Wie kann ich in dieser sich in Gewalt „verzehrenden“ und „das Leben verfehlenden“ Welt überhaupt in Frieden leben?
Mitten im schönen Sommer sitze ich hier, abwechselnd traurig, wütend, niedergeschlagen, gelähmt, jedenfalls absolut ohnmächtig, anlässlich aller mich über die öffentlichen Medien, über die Quäker- und sonstige e-Mail-post erreichenden Nachrichten über die unzähligen Qualen und den sinnlosen Tod unschuldiger Menschen jeden Alters in Palästina, Libanon, Israel und anderswo, aber besonders dort.
Am meisten bewegt mich der Hilferuf unserer Freunde in Ramallah und das Interview mit einer libanesischen Widerstandskämpferin im schweizerischen Rundfunk, die, wegen der Tötung eines Kriegsverbrechers sechs Jahre im Gefängnis saß und, trotz der erlittenen Folter und trotz der erneuten Eskalation der Gewalt in ihrem Land, nicht aufhört, daran zu glauben, dass ein Frieden im Nahen Osten in absehbarer Zeit möglich ist.
Ich bin erstarrt und verzweifelt vor Schmerz. Ich bin erschrocken, ja angewidert und fassungslos über die sich austobende Bereitschaft und Fähigkeit, bar jeder „Selbstwürde“ und bar jeden Gedankens an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, systematisch und blindwütig jedes Leben zu zerstören, das als Sündenbock für das eigene Leid der Opfer/Gewalttäter jeder Seite herhalten muss. Als ob nicht schon längst erwiesen wäre, dass die Gewalt am Sündenbockopfer als Ergebnis der Projektion des eigenen Bösen im Anderen nur ewig neue Gewaltschübe erzeugt. Die Gewalt und das Böse können nur in dem absoluten Verzicht auf Gewalt und in der „Umwidmung“ des Bösen durch die Liebe überwunden werden.
In der Stille bin ich nur noch gebannte Erwartung dessen, dass es anders sein möge.
Es fällt mir dann der Vers vom Lied „Ermutigung“ von Wolf Biermann ein, den ich schon vor Jahren um das Wort „Liebe“ ergänzt habe, und den ich seit dem nur noch so singe : „Du lass Dich nicht erschrecken, in dieser Schreckenszeit, das woll’n sie doch bezwecken, dass wir die Waffen – der Liebe – strecken, noch vor dem großen Streit“.
Wie soll das noch, wie soll das immer wieder, möglich sein, die „Waffen“ der Liebe nicht zu strecken, angesichts eines solchen Ausmaßes an Grausamkeit und an Verfehlen der „Bestimmung des Lebens“ ?
Wie ist es möglich zu Leben, wenn diesen anderen „Ichs des Lebens“, die meine Nächsten im Nahen Osten und Anderswo auch sind, das Leben verwehrt wird, weil der Mensch sich immer noch zum Herrn über Leben und Tod wähnt? Ist dieser unbeschreibliche, weil irgendwie irreale Schmerz, der sich meiner ergreift, nicht beinahe unerträglicher als der einer reellen Wunde? Ist es nicht auch eine Folter, zu erfahren, dass das Leben, das mich belebt, dort auf grausamste Weise missachtet, entwürdigt, erniedrigt, und schließlich vernichtet wird?
Warum soll es mich geben, wenn es den Anderen, überall dort, wo er vorkommt und lebt, nicht geben darf?
Es fällt mir in der Stille noch das Ende eines anderen Liedes der Friedensbewegung ein: „Wann wird man je verstehen?“
Und ich weiß, ich kann das Leben, das mir aufgetragen ist zu leben, nur dann leben, wenn ich mit dem Verständnis von Leben und von Welt, das ich in mir trage, im Einklang bin, d.h. nur dann, wenn ich dieses Verständnis ganz tief und umfassend verinnerlicht habe. Schließlich kann ich den Tod des Anderen nur „verstehen“ und im Trauern annehmen, wenn ich auch meinen Tod als das letzte weltliche „sich Ereignen des Lebens“ erfahre. Nur das absolute Leben, zugleich Ursprung und ewig wirksamer an-wesender Impuls aller Lebewesen, ist der letztendliche Sinn, der Lebens-selbstsinn. Nur das Leben selbst, aber nicht mein eigenes Leben oder das des Anderen als einzelner Lebensvollzug, ist das Ziel. Nicht um mich als reine zeitliche, weltliche Erscheinung geht es dem Leben. Nicht der Lebewesen wegen inkarniert sich das Leben, sondern um seiner selbst willen.
Nur im „Ergriffensein von dieser Wahrheit“ kann ich mich dem Umstand auch „fügen“, dass Menschen, durch welche „weltliche Gewalt“ auch immer, werden sterben müssen, und zwar solange wie Menschen, Völker und Kulturen den „Wahrheiten der Welt“ (darunter auch alle aus menschlichen Projektionen entstandenen Ideologien), folgen, statt sich auf das „Ergriffen werden vom Leben“ und seinem Selbstsinn einzulassen. In meinem weltlichen Lebensvollzug, eine Daseinsmöglichkeit von Leben, kann ich nur „im Sinne des Lebens“ leben, wenn ich jede Daseinsmöglichkeit von Leben liebe, und anerkenne, dass jedes Lebewesen seinem eigentümlichen Lebensvollzug nach leben und sterben darf.
Dann taucht, angesichts dieses nicht enden wollenden Wahnsinns auf der Welt, in meiner Stille doch noch die Frage auf: „Wenn alles was schon hinlänglich, vor und nach jeder Welle der Gewalt im Nahen und "anderen Osten", von allen Seiten in unzähligen Briefen und Ketten-E-Mails appelliert, protestiert, kommentiert, und ultimativ gefordert wurde, nicht einmal den Erfolg hatte, dass keine neue Gewaltwelle zustande kommt, welche Haltung, welches Verhalten, welche Aktionen sollen denn überhaupt diesem Teufelskreisgeschehen noch Einhalt gebieten, geschweige denn ein wirkliches Ende bereiten?“
Einerseits nehme ich einfach wahr, dass die ganze Welt sich zu „verlieren" und die eigentliche „Wahrheit des Lebens“ zu verfehlen droht, ja dass sie zu einem Gipfel der Selbstzerstörung aufzulaufen scheint.
Andererseits weiß ich, dass, sollte die Welt doch dazu bestimmt sein, sich zu erneuern und „am Leben“ zu bleiben, sie sich vor ihrer Selbstzerstörung sicher nicht allein, und nicht allein durch den Einsatz weltlicher, rationaler (Macht-) Mittel wird retten können. Erst dann, wenn eine „qualifizierte“ Anzahl Menschen und Gemeinschaften („kritische Menge“) sich voll an der Wahrheit des Lebens ausrichten wird, d.h. am „Wille“ des Lebens, sich in/an jedem Lebewesen zu verwirklichen, erst dann werden die ganze Gewalt und der ganze Hass in sich zusammen fallen.
Solange bis diese Wahrheit sich der Welt wird ergriffen haben, werde ich innerlich um jedes Opfer, um jeden Tribut trauern, das die Weltgemeinschaft (Schuldige wie Nicht-Schuldige) ihrem "verfehlen der Wahrheit des Lebens" wird zollen müssen.
Nur wenn es mir gelingt zu üben, die Welt „vom Leben aus“ zu denken, statt umgekehrt, kann ich,
-in Frieden mit der Welt, wie sie noch ist, leben,
-die Kraft schöpfen, immer wieder zu lieben, um die Welt zu verändern, und
-die Freude am Triumph des LEBENs über alle Versuche, es den Gesetzen der Welt zu unterwerfen, immer wieder neu erleben.
Am meisten bewegt mich der Hilferuf unserer Freunde in Ramallah und das Interview mit einer libanesischen Widerstandskämpferin im schweizerischen Rundfunk, die, wegen der Tötung eines Kriegsverbrechers sechs Jahre im Gefängnis saß und, trotz der erlittenen Folter und trotz der erneuten Eskalation der Gewalt in ihrem Land, nicht aufhört, daran zu glauben, dass ein Frieden im Nahen Osten in absehbarer Zeit möglich ist.
Ich bin erstarrt und verzweifelt vor Schmerz. Ich bin erschrocken, ja angewidert und fassungslos über die sich austobende Bereitschaft und Fähigkeit, bar jeder „Selbstwürde“ und bar jeden Gedankens an die Gottesebenbildlichkeit des Menschen, systematisch und blindwütig jedes Leben zu zerstören, das als Sündenbock für das eigene Leid der Opfer/Gewalttäter jeder Seite herhalten muss. Als ob nicht schon längst erwiesen wäre, dass die Gewalt am Sündenbockopfer als Ergebnis der Projektion des eigenen Bösen im Anderen nur ewig neue Gewaltschübe erzeugt. Die Gewalt und das Böse können nur in dem absoluten Verzicht auf Gewalt und in der „Umwidmung“ des Bösen durch die Liebe überwunden werden.
In der Stille bin ich nur noch gebannte Erwartung dessen, dass es anders sein möge.
Es fällt mir dann der Vers vom Lied „Ermutigung“ von Wolf Biermann ein, den ich schon vor Jahren um das Wort „Liebe“ ergänzt habe, und den ich seit dem nur noch so singe : „Du lass Dich nicht erschrecken, in dieser Schreckenszeit, das woll’n sie doch bezwecken, dass wir die Waffen – der Liebe – strecken, noch vor dem großen Streit“.
Wie soll das noch, wie soll das immer wieder, möglich sein, die „Waffen“ der Liebe nicht zu strecken, angesichts eines solchen Ausmaßes an Grausamkeit und an Verfehlen der „Bestimmung des Lebens“ ?
Wie ist es möglich zu Leben, wenn diesen anderen „Ichs des Lebens“, die meine Nächsten im Nahen Osten und Anderswo auch sind, das Leben verwehrt wird, weil der Mensch sich immer noch zum Herrn über Leben und Tod wähnt? Ist dieser unbeschreibliche, weil irgendwie irreale Schmerz, der sich meiner ergreift, nicht beinahe unerträglicher als der einer reellen Wunde? Ist es nicht auch eine Folter, zu erfahren, dass das Leben, das mich belebt, dort auf grausamste Weise missachtet, entwürdigt, erniedrigt, und schließlich vernichtet wird?
Warum soll es mich geben, wenn es den Anderen, überall dort, wo er vorkommt und lebt, nicht geben darf?
Es fällt mir in der Stille noch das Ende eines anderen Liedes der Friedensbewegung ein: „Wann wird man je verstehen?“
Und ich weiß, ich kann das Leben, das mir aufgetragen ist zu leben, nur dann leben, wenn ich mit dem Verständnis von Leben und von Welt, das ich in mir trage, im Einklang bin, d.h. nur dann, wenn ich dieses Verständnis ganz tief und umfassend verinnerlicht habe. Schließlich kann ich den Tod des Anderen nur „verstehen“ und im Trauern annehmen, wenn ich auch meinen Tod als das letzte weltliche „sich Ereignen des Lebens“ erfahre. Nur das absolute Leben, zugleich Ursprung und ewig wirksamer an-wesender Impuls aller Lebewesen, ist der letztendliche Sinn, der Lebens-selbstsinn. Nur das Leben selbst, aber nicht mein eigenes Leben oder das des Anderen als einzelner Lebensvollzug, ist das Ziel. Nicht um mich als reine zeitliche, weltliche Erscheinung geht es dem Leben. Nicht der Lebewesen wegen inkarniert sich das Leben, sondern um seiner selbst willen.
Nur im „Ergriffensein von dieser Wahrheit“ kann ich mich dem Umstand auch „fügen“, dass Menschen, durch welche „weltliche Gewalt“ auch immer, werden sterben müssen, und zwar solange wie Menschen, Völker und Kulturen den „Wahrheiten der Welt“ (darunter auch alle aus menschlichen Projektionen entstandenen Ideologien), folgen, statt sich auf das „Ergriffen werden vom Leben“ und seinem Selbstsinn einzulassen. In meinem weltlichen Lebensvollzug, eine Daseinsmöglichkeit von Leben, kann ich nur „im Sinne des Lebens“ leben, wenn ich jede Daseinsmöglichkeit von Leben liebe, und anerkenne, dass jedes Lebewesen seinem eigentümlichen Lebensvollzug nach leben und sterben darf.
Dann taucht, angesichts dieses nicht enden wollenden Wahnsinns auf der Welt, in meiner Stille doch noch die Frage auf: „Wenn alles was schon hinlänglich, vor und nach jeder Welle der Gewalt im Nahen und "anderen Osten", von allen Seiten in unzähligen Briefen und Ketten-E-Mails appelliert, protestiert, kommentiert, und ultimativ gefordert wurde, nicht einmal den Erfolg hatte, dass keine neue Gewaltwelle zustande kommt, welche Haltung, welches Verhalten, welche Aktionen sollen denn überhaupt diesem Teufelskreisgeschehen noch Einhalt gebieten, geschweige denn ein wirkliches Ende bereiten?“
Einerseits nehme ich einfach wahr, dass die ganze Welt sich zu „verlieren" und die eigentliche „Wahrheit des Lebens“ zu verfehlen droht, ja dass sie zu einem Gipfel der Selbstzerstörung aufzulaufen scheint.
Andererseits weiß ich, dass, sollte die Welt doch dazu bestimmt sein, sich zu erneuern und „am Leben“ zu bleiben, sie sich vor ihrer Selbstzerstörung sicher nicht allein, und nicht allein durch den Einsatz weltlicher, rationaler (Macht-) Mittel wird retten können. Erst dann, wenn eine „qualifizierte“ Anzahl Menschen und Gemeinschaften („kritische Menge“) sich voll an der Wahrheit des Lebens ausrichten wird, d.h. am „Wille“ des Lebens, sich in/an jedem Lebewesen zu verwirklichen, erst dann werden die ganze Gewalt und der ganze Hass in sich zusammen fallen.
Solange bis diese Wahrheit sich der Welt wird ergriffen haben, werde ich innerlich um jedes Opfer, um jeden Tribut trauern, das die Weltgemeinschaft (Schuldige wie Nicht-Schuldige) ihrem "verfehlen der Wahrheit des Lebens" wird zollen müssen.
Nur wenn es mir gelingt zu üben, die Welt „vom Leben aus“ zu denken, statt umgekehrt, kann ich,
-in Frieden mit der Welt, wie sie noch ist, leben,
-die Kraft schöpfen, immer wieder zu lieben, um die Welt zu verändern, und
-die Freude am Triumph des LEBENs über alle Versuche, es den Gesetzen der Welt zu unterwerfen, immer wieder neu erleben.
mauricede - 15. Aug, 14:01
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